Andre Geßner : OBJEKT 5 - Klaus

Mein lieber Freund, das war eine Studentenbehausung... allabendlich gab es diesen Gesang zur Gitarre, und die Bewohner blieben ewig jung. Das lag einfach an der Wohnqualität - man mußte jung sein, um es da toll zu finden. Wer zu alt geworden war, zog ganz von selber aus. Generation um Generation bezog und verließ das Gebäude. Und die Musik wurde dann auch immer ein bißchen anders jedes Mal. Oder man kann auch sagen, sie blieb sich gleich - sie klang höchstens ein bißchen anders. Sie war eben immer sehr zeitgenössisch.

Der letzte, der in das Haus einzog, nachdem Gabi Hahn und Thomas Anders es in Richtung ihres ersten Eigenheimes verlassen hatten, war dann mein Freund Klaus Mitschke. Danach, als Klaus gestorben war, nahmen Freunde von ihm seine Ideen auf und machten aus dem Haus ein Kneipe mit Kino, Theater, Band usw. Das hat sieben Jahre gut funktioniert und wird nun nach einem halben Jahr Umbaupause neu eröffnet ...

Klaus war eigentlich ein Penner, der einem immer erzählte, was er alles mal machen möchte. Die erste Zeit hat man das geglaubt. Später, wenn man mit ihm irgendwo am Biertisch stand, und er erzählte zum tausendsten Mal den Scheiß, wurde man manchmal schon ein wenig sauer ...
Aber das war nicht der Punkt, der ihn ausmachte. Der Punkt war sein Gemüt. Er war einfach ein feiner lieber Kerl, der mit größter Selbstverständlichkeit alles für einen tat. Klaus konnte kein Blut sehen.

Einmal hatte ich mich irgendwie blöd und ziemlich doll an der Hand verletzt. Ich blutete wie ein Schwein. Natürlich war es spätabends. Also - Klaus mußte mich in irgendsoeine Unfallaufnahme schaffen, mit meinem Auto, ich konnt ja nicht mehr fahren. Da war er grade noch dabei, Fahrschule zu machen. Als wir da waren in diesem Notaufnahme-Wartesaal, packte er erst mal eine Pulle Sekt aus und trank die fast alleine aus. Das war einfach zuviel für ihn mit dem ganzen Blut. Er sah auch ziemlich blaß aus und so. Na gut, ich saß daneben, die blöde Hand tat irgendwie ziemlich weh, ich hatte ca. 9/10 meines gesamten Blutes verloren und drinnen warteten sie schon mit Schusterahle und Fleischerdarm auf mich, um alles wiederzusammenzuflicken ... naja, kein Ding weiter ...

Manchmal waren wir so heiß aufs Vögeln, daß wir in die dümmste Disco der Welt gezogen sind und völlig heiße liebe doofe Bräute aufgerissen haben. Mit denen sind wir dann zu einem von uns gefahren und haben die besoffen gemacht und uns gleich mit, und dann wurde es lustig.
Klaus war der Mann, der im Urania-Kino diese ganzen großen Plakate gemalt hat. Er hatte mal Gebrauchswerber gelernt, und er konnte das dann auch richtig gut. Das war auch immer irgendwie lustig, was er da gemacht hat. Ich meine, diese ganzen riesiggroßen Plakate, die sollten ja immer irgendwie den nächsten Film ankündigen. Bloß, irgendwie stimmten die nie so richtig. Entweder hieß der Film gar nicht so, wies da drauf stand. Oder der Name von der Hauptdarstellerin war falsch gemalt. Oder der Film lief an einem ganz anderen Tag an, oder sowas eben. Aber mit der Zeit wurde einem dann doch klar, daß es sehr gut war, so wie es war. Von daher vielleicht auch seine Liebe zum Film. Aber wahrscheinlich nicht nur ...

Er war ja damals schon ein hervorragender Kenner aller Ost-Kulturdinge. Manfred Krug, Stefan Diestelmann, Gojko Mitic und all sowas. All das Zeug, was in Berlin wirklich keinen Schwanz interessierte und jetzt plötzlich der totale Kult sein soll, war für ihn schon immer völlig normale Bildung.
Er konnte aber auch „König von Deutschland” von Rio Reiser auswendig. Rio Reiser war ja mal der Sänger von Ton Steine Scherben gewesen, diese Kreuzberger- Hausbesetzer-Szene-Kultband, die dann später auch in der DDR so ein Synonym für Anarchie und Unabhängigkeit ge-wesen ist. „König von Deutschland” war aber mehr so ein Pop-Song. Den konnte Klaus also auswendig, und nun, wo Rio Reiser auch tot ist, können sie das ja dann zusammen singen, da oben irgendwo.

Klaus war ja ein wirklich sozialer Typ - hier ein Beispiel: Ich hatte gerade eine Beziehung so fast beendet mit einer Ina. Da gings immer nur ums Körperliche, und das war auch wirklich sehr bedeutend. Aber dann lernte ich noch eine andere Ina kennen, und die konnte auch noch gut über alle möglichen Sachen erzählen. Das war ja damals so gang und gäbe, möglichst immerfort über wichtige Dinge zu sprechen. Und das Körperliche war aber außerdem auch gut ...
Also wechselte ich die Ina. Und dann gab es mal wieder so ein Event, wie man das heute nennen würde, die halbe Stadt Halle war da,und natürlich auch die beiden Inas und ich. Naja, alles kam raus und die eine Ina war sehr traurig. Und da war dann eben unser sozialer Klaus zur Stelle und hat sich den ganzen Abend um sie gekümmert. Gebumst hat sie dann aber doch Henry Gramann. Naja.

Wenn Klaus und ich wegen Frauen unterwegs waren, waren wir übrigens immer Brüder. Nicht, weil wir uns das etwa so ausgedacht hätten, sondern weil die anderen das immer von uns gedacht haben. Natürlich gibt es noch mehr Geschichten.
Aber vielleicht ist das ja auch zuviel des Guten. Eigentlich geht es ja um ein Haus, eine Stätte, einen Ort, der sich nun nach dem Umbau wieder den Menschen öffnen will ... und Klaus war eben mal einer seiner Bewohner. Er war sozusagen auch mal für eine Zeit da zu Gast gewesen ... So gesehen erzählt man aber ja doch auch von dem Haus, wenn man von Klaus erzählt.
Natürlich haben in diesem Objekt, das ja ein ziemlich altes Haus ist, und ein Nebenhaus gehört auch noch dazu, auch manchmal noch andere gewohnt. Als Klaus da wohnte, hat zum Beispiel Jan Möser da auch mal eine Weile gewohnt. Der hat dann Klaus immer sein Nutella weggefressen, und bestimmt hat er niemals abgewaschen. Klaus war dann eben auch mal sauer. Auch als sozialer Typ ist man ja manchmal sauer auf andere. Klaus hat dann aber die Typen nicht angeschrien oder rausgeschmissen oder sowas, sondern er hat dann einfach nicht mit denen reden können. Totale Funkstille sozusagen. Ne ziemlich merkwürdige Situation, wenn man selber mit drinsteckt. Auch zwischen uns beiden gab es das manchmal.
 

Auf jeden Fall gab es immer einen Roten zu trinken, und wenn der alle war, wurde neuer geholt. Wenn der Abend schon fortgeschritten war, gings stattdessen auch gern in die nahe gelegenen Kneipen. MOHR oder GOSE ... Später dann natürlich mehr ins Bolldorf oder zu Peter Brockmann. Die hatten kurz nach der Wende private Kneipen aufgemacht, und das war eben auch einfach n bißchen geiler da. Weil, da war dann erst zu, wenn wirklich der letzte weg war. Es war so ein bißchen wie-Kreuzberg-zu-der-Zeit-eigentlich-schon-nicht-mehr-war. Das war dann nicht nur der naheste Westen, sondern auch der beste damals.

Jetzt ist es ja dort auch wie überall ... öde. Klaus wußte übrigens ganz genau, wann ich in den Westen abhauen wollte. Er hatte auch den Schlüssel zu meiner Wohnung, um sich zu holen, was er hätte gebrauchen können. Dank Moritz' Hilfe war die Wohnung dann auch schon nach fünf Tagen völlig leer ... Manchmal, wenn ich irgendwelche Bekannten hier besuche, entdecke ich plötzlich bei denen irgendwas aus dieser alten Wohnung. Das ist ziemlich lustig auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite kommen dann all die Erinnerungen.
Schon seltsam, die Erinnerungen so an sich. Alles was von Klaus nun geblieben ist, sind ein paar Photos, eine Mütze, die er mal zum Fasching trug - da ging er als Prinz, das stand ihm gut, und wenig später hat er sie mir in den Westen nachgeschickt, sozusagen als Freundschaftserinnerungsgeschenk - und ein paar Briefe. Und eben die Erinnerungen. Die sind meistens irgendwas mit Trinken und Quatschen und sich wohlfühlen ...
Die Beerdigung war dann so, wie eine Beerdigung eben wohl ist. Es war absolut kalt und grau. Aber es waren viele, wirklich viele Leute da. Weil es so kalt war, waren die Instrumente des Quartetts so verstimmt, daß die ganze Musik ein einziger Katzenjammer war. Eben sehr angemessen. Aber vielleicht ist das vielen gar nicht aufgefallen, denn die meisten waren wirklich mit ihrer Trauer beschäftigt. Und als die lächerliche Kiste dann herabgelassen wurde, war ich nicht mal mehr in der Lage, dort hinzugehen und Tschüß zu sagen. Ich wollte das nicht. Es war noch nicht die Zeit, um Tschüß zu sagen. Jetzt über den Erinnerungen fällt mir auf, daß diese Zeit vielleicht gar nicht kommen wird ... Klaus war keiner, zu dem man irgendwie Lebewohl sagen würde ... Jedenfalls keiner, zu dem ich Lebewohl sagen möchte.


Klaus und ich sind mal - wir wolltens einfach noch mal wissen an dem Abend - wieder in dieses Klubhaus gegangen, wo schon diese Doppelte-Ina-Geschichte abgelaufen war. Sonntagabend, die Stadt völlig tot. Einzig in dem Klubhaus gab es da immer noch ne saumäßig langweilige Disco. Wir also da hin, und das mit zwei Damen besorgen hat dann auch wieder gut geklappt. Ich hatte noch einiges Gras zu liegen, ich hab das doch immer im Sommer aus dem Botanischen Garten bezogen. Du kennst ja vielleicht noch diese riesigen Apfelplantagen, die sie in der DDR hatten. Millionen von so kleinen, knapp mannshohen Bäumchen. Also ich hatte noch einen Busch so ca. in der Größe da zu liegen. Und dazu - du weißt ja, dieser trockene Hals bei mies fermentiertem Gras - eine frische Kiste Cabernet. Prima.
Naja, wir spielten irgendsoein behämmertes Kartenspiel, alle so irgendwo aufm Fußboden, und rauchten und tranken. Ich ging dann mit der sehr liebenswürdigen A. in die Gemächer, und als wir dann später irgenwann, keine Ahnung, wann eigentlich, so etwas ausruhten, mußte ich mal pinkeln. Dazu mußte ich durch das andere Zimmer - aber da sind Klaus und die andere Dame mitten auf dem Fußboden eifrig dabei. Oh Mann. Das war ein bißchen wie ein schlechter Porno. Und weil ich halt auch irgendwann mal erzogen worden bin, mußte ich wieder umdrehen und konnte nicht pinkeln gehen. Das war Scheiße.
Na, wir, die großen Superhelden, wurden dann so gegen sieben Uhr früh von unseren süßen kleinen Dingern geweckt - die wollten einfach noch irgendwohin! Klaus ist gar nicht aufgestanden, ich hab es wenigstens geschafft, sie bis zur Tür zu bringen ... Wir sind dann so gegen Zwölf oder so aufgewacht und waren einfach mal ziemlich am Ende. Das Gras und dieser ganze Cabernet hatten uns total ruiniert. Und diese Bräute waren einfach völlig gesund aus dieser Geschichte rausgekommen.
Da war mir das dann zum ersten Mal klar - nicht der Mann schleppt ab, lächerlich, dieser Gedanke. Wenn überhaupt mal einer abschleppt, dann ist es immer die Frau. Naja, wir sind dann essen gegangen. Irgendwo an einer superhäßlichen Kreuzung, es war grau, und wir waren die einzigen in einer dunklen, riesigen Kneipe. Am Abend waren wir sicherlich wieder fit - keine Angst, mein Freund.
Und wir waren bestimmt in der Gose - aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Egal.

 

Objekt 5
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen