1. Finstere Zeiten - Kirchenbuchrapport

Die Kirchenbücher der Bartholomäus-Gemeinde haben eine lokale Sensation zu bieten. In der Kirche wurden Händels Eltern copuliret, also getraut.
Das wurde kunstvoll formuliert: Der Edle, Wolehrenveste, Großachtbare und Kunstberühmte Herr Georg Händel ... Mit Jungfer Dorothea, meine Tochter. Das schrieb der Pfarrer Taust, Großvater unseres Georg Friedrich.

Die Trauungsurkunde gehört somit zu den Kostbarkeiten im dicken Tresor des Pfarrhauses, der außer Verehelichungen und Taufen eher mehr Düsteres verzeichnet hat. So heißt es im 17. Jahrhundert unter Begrabene ohne Angabe des Familiennamens: Eine fremde Magd, ein Soldatenkindlein; was mag wohl ein Soldatenkindlein sein?

Die Bemerkungen des Kirchenbuch- führers gestatten uns einen kleinen Einblick in die Zeit. So befinden sich unter den Toten ein armer alter Bettelmann und ein armer Studicus, ein Musikante und ein Musquetierer, ein Knäblein und ein Franzosenkind. Das klingt nach Durchziehen, Flucht und Krieg.

Das Verzeichnis der örtlichen Chronik gibt für die Zeit von 1670 bis 1682 eine Kette von Katastrophen wieder: Auf Seite 102, Seite 115 und Seite 124 steht: Feuersbrunst in Halle. Seite 132 taucht ein Comet auf. Zehn Seiten später werden Fleckfieber und Pest festgehalten. Auf der Seite 144 verschwindet der Komet wieder, aber die Pest fordert in Giebichenstein kurz darauf, im Jahre 1681, innerhalb eines Vierteljahres 229 Tote.Das Auftauchen eines Kometen wurde stets mit der Ankündigung eines Unheils gleichgesetzt, was sich in diesem Fall schrecklich bestätigte.

Es gab bis zu sechs Beerdigungen am Tag. Taufen wurden wegen der Infektionsgefahr gleich im Freien abgehalten.

Aber auch tragische Einzelschicksale hielt das Buch fest: Den 17. Nov. (1699) einen armen Knaben, von ohngefahr 14 od.15 Jahre, so nackend und bloß ganz erkranckt aufn Schub Kar vür Richters Thür gebracht worden und bald darauff gestorben.

Verzeichnet sind auch Bestrafungen der Maleficantes, das waren die armen Übeltäter. Man ging mit ihnen damals hart zur Sache. 1668, den 7. Aprilis, Jacob Sand, ein Dieb, so viel Gänse, Hühner, eine Brantweinblase und eine Kuh gestohlen, gehenket. 1673, den 8. Juli, Ein Spitzbube gehenket. Den 2. September ein anderer Spitzbube gestäupet und um zwei Finger verkürzt und des Landes verwiesen.
Auch eine Hexenverbrennung wurde im Giebichensteiner Kirchenbuch eingetragen: Margarete Kolbens von Dölau so sich im Sande gebadet und Milch hat ausm Stricke melken können, verbrannt den 15. Juli 1664. Bevor wir dieses finstere Kapitel verlassen, müssen wir noch einen Blick in eine Sterbestatistik von 1830 bis 1840 werfen. In dieser Zeit starben in Giebichenstein und Kröllwitz 438 Menschen. Die Statistik verrät ärztliche Präsenz, zumindest beim Feststellen der Todesursache. Krämpfe, Auszehrung und Stickfluß waren die häufigsten Todesursachen. Erst dann folgt mit 32 Fällen die Altersschwäche. Genannt seien noch der für uns unvorstellbare Tod durch Zahnkrankheit und Halsbräune. Am Jammer, tatsächlich also an Kummer und Melancholie, starben allein 14 Menschen. 24 kamen durch Unglück: Ertrinken, vom Blitz erschlagen, Mord oder Selbstmord, um.

In der Saale fand man in diesem Zeitraum acht Leichen.
Genug davon.

 

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