2. Reichardts Töchter-Orchester

Die Zeiten spielen immer wieder ineinander, allein die Düsternis des vorigen Kapitels erfordert einen lichten Kontrast, den wird das Giebichensteiner Dichterparadies bieten.
Erich Neuss hat ihm in seinem gleichnamigen Büchlein ein Denkmal gesetzt. Von den zahlreichen Gärten und Parks ist zweifellos der Amtsgarten, früher der Burggarten oder Schloßpark, der älteste. Eine Topographie von 1654 zeigt noch kahle steinige Rasenhügel. Als eigentlicher Schöpfer des Gartens ist Reichsfreiherr Ochs vom Ochsenstein anzusehen. Heimatforscher Baron Schultze - Galléra schreibt über ihn: Das stolze Blut alter elsässischer Ahnen rollte in seinen Adern .
1740 bis 1750 wirkte Ochs als Amtmann in Giebichenstein. Er bepflanzte die Burgstraße mit Linden und Kirschen. Sein eigentliches Werk aber ist Gestaltung des alten Giebichenstein, das Reichardts Dichterfreunde vielstimmig besungen haben.
Ochs räumte den Schloßgraben aus und legte ein Lustgärtlein mit Springbrunnen an, auf den Höhenzügen entstanden Lusthäuser, die Rundumblicke ins weite Land gestatteten. In Achim von Arnims Studentenspiel „Halle“ ruft Lysander Olympie zu: Sieh lieber dort, wie hell des Petersberges Klostertrümmer im Sonnenschimmer leuchten.
Und er beklagt, daß diese Zeit die klösterliche Einsamkeit nicht zu schätzen wisse. Doch Olympie antwortet diplomatisch: Sind wir nicht beide eine Einsamkeit zusammen?
Der Amtmann Ochs legte Rasen und Alleen, Obst- und Küchengärten an. Er soll in zehn Jahren mehr geschaffen haben, als andere in achtzig Jahren zuvor. Doch Friedrich der Zweite bezahlte diese Verschönerungen seiner Domäne nicht. Da soll Ochs die Pflanzungen und Lusthäuser kurzerhand zerstört und sich mit seiner Gemahlin verbittert nach Bitterfeld zurückgezogen haben.

 

Zurück zur Natur - dieser Rousseausche Ruf hallte auch durchs Saaletal. 1786 beschrieb Heinrich Gottlieb Schmieder ein Nachtkonzert, das gegenüber der Peißnitzinsel unterhalb des späteren Lehmannsfelsens stattgefunden hatte, in einem freundlich grünen Amphitheater.

Der ganze Platz, die Bergschichten waren reihenweis mit Menschen angefüllt. Schmieder will die Saale sanft rauschen gehört haben.
Nach geendigtem musikalischem Stücke ertönten die belebten Berge von Beifallsklatschen - das war ein Triumphgetös der Natur. Das hatte Reichardt gelesen. Und er zog an die Saale und errichtete das Giebichensteiner Jubelparadies. Sein Schwiegersohn Henrich Steffens nannte Reichardts Garten die schönste Komposition seines Lebens und seines Geistes . Das Grundstück zog sich vom Oberschmelzer (Friedenstraße 1) mit einem Gefälle von 30 Metern zum Unterschmelzer hin. Im Unterschmelzer wohnte die Familie Reichardt, das Haus mußte Ende des vorigen Jahrhunderts der neuen Straßenführung der Seebener Straße weichen.
Reichardt legte Wege an, pflanzte Kiefern, Fichten, die später Eichen und Akazien weichen mußten, und die berühmten halleschen Fliederbüsche und Rosen, Rosen, Rosen.

Das Gartenleben war für Reichardt untrennbar mit der Musik im Freien verbunden. Steffens schreibt: Reichardt hatte seinem Kutscher und seinem Bedienten Unterricht geben lassen im Waldhornblasen und seine Töchter bildeten zusammen Gesangschöre.Da sind sie - Reichardts Töchter, ein ganzes Tochter-Orchester, schreibt Jean Paul, das so schön klingt, wie lebt, obwohl nicht so schön aussieht.
Ludwig Tieck (Schwager der zweiten Frau Reichardts) nennt sie Gesangs-Göttinnen.
 

Johann Friedrich Reichardt war also zweimal verheiratet. Aus der ersten Ehe stammen die Töchter Luise und Juliane. Die zweite Ehefrau Johanna Alberti, verwitwete Hensler, brachte drei Kinder aus ihrer ersten Ehe mit: Wilhelm, Charlotte und Wilhelmine Hensler.

Zusammen hatten Johann Friedrich und Johanna Reichardt noch fünf Kinder: Johanna, Hermann, Friederike, Sophie und Fritz. Das sind insgesamt elf Kinder. Zwischen Johanna Albertis erstem Kind aus erster Ehe und ihrem letzten Kind von Reichardt ist ein Altersabstand von 30 Jahren!

Insgesamt müssen in dem Reichardtschen Haus sieben Mädchen göttlich gesungen, wenn auch laut Jean Paul nicht so ausgesehen haben.Nur die vorletzte, die Rieke, fand Gnade vor seinem Schönheitsauge.
Luise, die älteste Tochter, komponierte auch, einfacher als ihr Vater, fand Achim von Arnim. Er bekam von Luise zum Weihnachtsfest 1805 eine gehöhlte Nuß, in der sich mit einem roten Bande gebunden eine zierlich fein geschriebene Musik nach einem Text aus Arnims „Des Knaben Wunderhorn“ befand. Mir war die Nuß wie eine Weltkugel im Planetario. schrieb Arnim seinem Schwager Clemens Brentano. Überhaupt waren die Weihnachtsgeschenke im Reichardtschen Haus von ausgefallener Art. Arnim schreibt im gleichen Brief: Die anderen schenkten mir wunderlichen Confekt. Nüsse, Kanonen, Szepter von Marzipan. Ich ließ einen Bienenkorb von Marzipan machen, viel Bienen schwebten an Drähten umher, ich summte dazu und hatte drauf geschrieben: Den Geselligen.
Gesellig war das Leben in Reichardts Haus allemal. Wilhelm Grimm feierte 1809 dort seinen Geburtstag, an dem er eine grüne Jägeruniform trug, wie Arnim berichtete: Man sang und musizierte, nur die Töchter Hanne Steffens und Juliane Stelzer waren still; sie trugen, wie Wilhelm scherzhaft sagte, an der kleinen Hausarbeit, die sie den Sommer über verfertigt hatten, d.h. sie sahen ihrer Niederkunft entgegen.
Auch Dichterfürst Goethe hörte die Nachtigallen in Reichardts Garten schlagen. Reichardt hatte einige Singspiele und Dramen Goethes vertont. Doch unterschiedliche politische Ansichten führten zum sogenannten Xenienstreit, in dem Goethe mit Freund Schiller Reichardt unfein beschimpfte. Die Freundschaft begann mit einer Feindschaft.

Reichardt hatte durch seine Sympathie für die Französische Revolution und den Verkehr mit Republikanern seine Stelle als Königlicher Preußischer Hofkapellmeister verloren. Er zog sich auf sein Gut in Giebichenstein zurück. In der von ihm gegründeten Zeitschrift Deutschland wandte er sich sowohl gegen despotische Monarchen wie tyrannische Jakobiner. In dieser Zeitschrift veröffentlichte Reichardt seine harte Kritik an den „Horen“, der Zeitschrift Goethes und Schillers. Reichardt rieb sich an der politischen Abstinenz der Zeitschrift und dem in de Beiträgen vermittelten politischen Konservatismus.

Die Weimarer schlugen mit Wortgewalt zurück. In der Xenie Nummer 216 heißt es : Erst habt ihr die Großen beschmaust, nun wollt ihr sie stürzen; Hat man Schmarotzer noch nie dankbar dem Wirte gesehn.
Den ersten Schritt zur Annäherung nach diesem Streit tat Reichardt, als Goethe 1801 schwer erkrankte. Er schrieb ihm einen Brief, in dem er sich um Goethens Gesundheit besorgte und die Kränkung, die ihm der Dichterfürst einst angetan hatte, ganz außer acht ließ. Goethe war gerührt und antwortete herzlich.
Und als das Projekt Theater Lauchstädt Formen annahm, ließ er sich des öfteren als Reichardts Gast in dessen Haus und Garten nieder. Er lauschte der glockenhellen Stimme Luisens, die die Lieder ihres Vaters nach Goethens Texten vortrug.
Reichardts Stolz, den großen Meister zu beherbergen, rief auch Neider auf den Plan. Einer überlieferte, daß Reichardt gewöhnlich im geschlossenen Wagen fuhr. Als aber Goethe bei ihm war, soll er trotz des kühlen Wetters und drohendem Regen mit zurückgeschlagenem Deck durch Halle gefahren sein, damit alle Welt sehen solle, welch berühmten Gast er bei sich hatte.

Später weilte auch Christiane Goethe in der Herberge der Romantik. Voller Stolz schreibt sie ihrem Gatten: Ganz oben, wo man auf der einen Seite Halle sieht und auf der anderen die Felsen und die Saale, da ist es ganz himmlisch. Da an der Mauer, ist eine Bank gemacht und heißt Goethens Bank.

 

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